Offenes Forschungskolloquium

Die SCE-Forschungskolloquien sind offen für Forscherinnen und Forscher, die sich mit Entrepreneurship- und Innovationsmanagement beschäftigen oder an themenbezogenen Abschlussarbeiten beteiligt sind. Es werden laufende Forschungsprojekte vorgestellt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln interdisziplinär diskutiert.

Mit Ergebnissen seiner langjährigen Forschungsschwerpunkte „Co-Creation” und „Entrepreneurship Education” setzt das SCE an der Hochschule München erfolgreich EU Projekte um, treibt „responsible entrepreneurship” voran und zieht lokale Forschungspartner aus Unternehmen und Zivilgesellschaft an.

Hier haben sich die Forschungskolloquien durch Dr. Christina Weber seit 2018 am SCE als lebendiges und interaktives Austauschformat etabliert. Ziel ist, den internationalen Forschungsdialog im Bereich Entrepreneurship zu fördern und noch stärker in die Hochschulen für angewandte Wissenschaften hineinzutragen.

Oft sind wir in unserer täglichen Arbeit von einer pragmatisch-praktischen Vorgehensweise geprägt und dennoch lohnt der Blick in die Forschung. Erkenntnisse aus der Entrepreneurship Forschung können uns wichtige Impulse für die tägliche Arbeit bieten, um 'gewohnte' Prozesse und Arbeitsweisen zu hinterfragen.

Forschungskolloquien bieten einen offenen Raum, in dem sich WissenschaftlerInnen, DoktorandInnen, aber auch PartnerInnen aus der Praxis fachlich zu verschiedenen Themenschwerpunkten austauschen können. Ziel auf individueller Ebene ist es, den Blick zu schärfen, den Blickwinkel zu verändern und bestenfalls durch den Dialog Wissenstransfer und Erkenntnisgewinn zu stimulieren. Forschung bedeutet auch die Chance, einen Schritt aus dem Gewohnten herauszutreten und eigene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen.

Die Forschungskolloquien im Wintersemester 20/21 finden an folgenden Terminen statt:

Do. 12. November 2020 – 15:00 – 17:00
Innovationsmanagement & Entrepreneurship PhD Projekte (DBI 2020)

Di. 09. Februar 2021 – 14:00 – 16:00
Female Entrepreneurship & Online Education

Forschungsthemen WiSe 2020/21

Innovationsmanagement & Entrepreneurship PhD Projekte (DBI) (12.11.2020)

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Am 12.11.2020 fand das SCE Research Kolloquium erstmals als deutsch-portugiesische EU-Forschungsgruppe statt. Im Verbund mit der DBI Doktorandenwoche mit der Aveiro University wurden neue und fortgeschrittene PhD Forschungsprojekte aus Innovationsmanagement und Entrepreneurship Forschung diskutiert. Seitens der Hochschule München, und in inhaltlicher Weiterführung der Debatte um autonome Systeme, Automatisierung und ethische Kontrollmechanismen wurde ein Hauptbeitrag zum Forschungsdesign „Ethicliteracy and Design Thinking“ vorgestellt.

Das SCE Research Kolloquium wurde organisiert und durchgeführt von Dr. Christina Weber (SCE) und in die DBI Immersive Week integriert von Dr. A. Gil Andrade-Campos. Die Forschungsbeiträge stammten von den folgenden Autorinnen und Autoren:

Development of a generic framework for the verification and validation of machine learning
Lucas Bublitz, DBI candidate 2020 University of Aveiro/SCE

Orchestration Framework to Support Decision Making in Value Stream Oriented Organizations
Maria João Lopes, Industry 4.0 Project (TT/MFD-Av), Bosch Termotecnologia, S.A.

Ethical Literacy and Design Thinking
Prof. Dr. Angela Poech, Munich University of Applied Sciences, Department of Business Administration

Forschungsthemen SoSe 2020

Effectuation and Cultural Entrepreneurship (14.05.2020)

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Entrepreneurship und Emotionen ist ein spannendes Forschungsfeld, das viele Fragen aufwirft und seit längerem starken Zulauf erfährt (Kuckertz, A. (2018) What’s hot in entrepreneurship research). Die Rolle von Leidenschaft für das Beginnen, für das Durchhalten und für das Finden von Lösungen in schwierigen Situationen - allein oder im Team - findet sich bereits bei den zentralen volkswirtschaftlichen Autoren (Schumpeter und Weber) und ebenso in etablierten Entrepreneurship-Ansätzen, wie der Effectuation Theory (Sarasvathy 2001, 2006). 

Mit der Studie von Stefan Schulte-Holthaus (Hochschule Macromedia) konnten die TeilnehmerInnen des Open Research Colloquium am 14.05. in die Diskussion des Begriffs „passion“ und in den Bereich Cultural Entrepreneurship einsteigen. Entrepreneurial Passion (EP) definiert als “consciously accessible, intense positive feelings experienced by engagement in entrepreneurial activities associated with roles that are meaningful and salient to the self-identity of the entrepreneur” (Cardon 2009) wird in Schulte-Holthaus’ Forschung langfristig erfolgreichen MusikerInnen zugeordnet. Aus Experteninterviews mit elf deutschen KünstlerInnen hat er narrative Daten für die Auswertung in einer Causal Map gewonnen. Die Codes in der erstellten “causal map” zeigen, worin die befragten ExpertInnen übereinstimmen und über welche Stufen “passion” (EP) zu Selbstwirksamkeit werden kann, aber auch, wie sie als widersprüchliche Gabe erfahren wird (failure, lifestyle). Sowohl auf die Gesundheit als auch auf den Erfolg oder Nicht-Erfolg am Markt übt EP einen starken Einfluss aus, und drängt als „artistic expression“ Unternehmer in die Welt. Schulte-Holthaus schließt aus den Daten, wie wichtig es ist, Leidenschaft früh zu erkennen und zu akzeptieren, dabei ihre Konflikthaftigkeit nicht zu unterschätzen, und daraus auch Entschiedenheit für den eigenen Weg zu gewinnen.     

Ohne aktuelle Daten, dafür mit einem schon klassischen Text von Sarasvathy (2006) „What to do next?“, brachte Dr. Christina Weber die Rolle von „passion“ in einem „effectuation circle“ anschließend in Gegenüberstellung zur unternehmerischen Eigenschaft der hohen Risikobereitschaft (siehe RC Female Entrepreneurship).  Passion und Commitment definiert als Leidenschaft und Verbindlichkeit (Zusage, Engagement) ermöglichen im effectuation Ansatz Entrepreneuren, eine Kontrolle der Risiken (affordable loss) im Sinne einer dynamischen Netzwerksteuerung zu behalten, indem sie schrittweise und immer mit dem eigenen Ressourcen-Umfeld zusammen wachsen und Neues gestalten können.

Die Diskussion ergab Fragen nach dem Unterschied von EP und passion in nicht-unternehmerischen Kontexten; nach den Quellen von Leidenschafts-Daten, und der Interpretation, Ausrichtung und Abgrenzung von Leidenschaft in Interaktionen. Dass dabei die Forschungsbegriffe Kontrolle und Risiko mit unterschiedlichen Theorien (strategic management – effectuation) im Bezug auf innovative Unternehmen ganz neu verstanden werden, wurde sehr sichtbar.

Female Entrepreneurship und Diversity (21.4.2020)

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Am 21.04.2020 wurde der neue Forschungsschwerpunkt der Hochschule München und des SCE mit einem virtuellen Forschungskolloquium feierlich eröffnet. Geladen waren 3 Vortragende, die Ein- bzw. Ausblicke in ihre Forschungsarbeit gaben.

Nadine Chochoiek, Doktorandin am LMU EC präsentierte spannende Forschungsergebnisse zum Thema ‚Risk Preferences of Female Entrepreneurs – Closing the Gender Data Gap in Entrepreneurship‘. Auf der Suche nach Gründen, warum der Anteil bei weiblichen Gründerinnen signifikant niedriger ist (in Deutschland aktuell: 15,1% - siehe: FemaleFounders Monitor, 2019), ist „Risikoaversion“ ein wiederkehrender Punkt. Dabei besteht ein „Gender data gap“. Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt (Sample aus den Niederlanden) besagen, dass weibliche GründerInnen risikoaffiner sind als weibliche Angestellte, jedoch konnten keine signifikanten Unterschiede in der Risikofreudigkeit zwischen männlichen und weiblichen Gründern festgestellt werden. Weitere Untersuchungen zeigten, dass Risikobereitschaft wohl eher ein Wesenszug von Gründern im Allgemeinen ist, als von sogenannten ‚high-status roles‘. Die Empfehlung wäre, weiterhin Maßnahmen zu fördern, die das Risiko von unternehmerischen Aktivitäten (unabhängig vom Geschlecht) mindern, wie auch stärker geschlechtsspezifische Daten zu erfassen, um dem ‚gender data gap‘ entgegenzuwirken. 

Franziska Mattner, die seit Februar 2020 den Forschungsschwerpunkt ‚Female Entrepreneurship & Diversity‘ an der Hochschule München gemeinsam mit dem SCE besetzt, gab im Anschluss einen kurze Einblick in ihr geplantes Forschungsprojekt. Einerseits ist geplant durch ein neues Podcast-Format weibliche Vorbilder (Gründerinnen, Professorinnen, Doktorandinnen) sichtbarer zu machen, und über den Aufbau von digitalen und innovativen Trainingsmodulen Frauen im Aufbau ihrer unternehmerischen Kompetenzen (wie Selbstwirksamkeit, Resilienz, Optimismus und Vertrauen) zu stärken und sie langfristig in ihrer Rolle als zukünftige und verantwortungsbewusste Führungskräfte zu bestärken. 

Abschließend stellten Svenja Lassen, Managing Director von primeCROWD und Prof. Dr. Alexandra Wuttig von der IUBH ihre Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Weibliche Business Angels in Deutschland“ vor. Da es aktuell nur 8% weibliche Business Angels in Europa gibt, ergab die Umfrage, dass 63,4% der befragten Frauen an dem Thema Startup Investment durchaus Interesse hätten. 68% davon würden gerne etwas Gutes tun, Stichwort: Impact Investing und 62% möchten vor allem weibliche Gründerinnen unterstützen. Warum es dennoch so wenige weibliche Investorinnen gibt, ist vor allem auf fehlendes Wissen oder Zugang zur Thematik zurückzuführen. Daher ist es speziell wichtig, die Aufklärungsarbeit mit entsprechenden Beratungsangeboten zu stärken, sowie eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für das Thema z.B. in bestehenden Frauennetzwerken zu schaffen. Mehr Frauen als Investorinnen zu gewinnen heißt auch die Zahl der Gründerinnen zu erhöhen.

Quadruple Helix Innovation (26.3.2020)

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Das erste Research Kolloquium in 2020  fand mit Dr. Christina Weber (SCE) und Prof. Dr. Anke van Kempen (Professur Unternehmenskommunikation HM/ Forschungsprofessur “M:UniverCity”) sowie KolloquiumsteilnehmerInnen aus Zivilgesellschaft, Universität und Hochschule München virtuell statt. Als wissenschaftliche Arbeitsgrundlage vorab versendet wurde eine aktuelle Fraunhofer Studie (Schütz, Heidingsfelder, Schraudner (2019), Co-shaping the Future in Quadruple Helix Innovation Systems: Uncovering Public Preferences toward Participatory Research and Innovation).

Quadruple Helix Innovation ist ein Ansatz, der seit Carayannis (2016) erster Veröffentlichung das Open Innovation Paradigma (Chesborough 2003) und Triple Helix Innovation (Nachhaltige Entwicklung wie business-industry-relations) zusammenführt. Auf EU Ebene erfolgen Projektförderungen für Innovationsprojekte, die in der Zusammensetzung eine quadruple Helix bilden. Ein „Kleeblatt“ aus Akteursgruppen als Modell für die gesellschaftlichen Sektoren Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zu vereinen ist aufwändig, verspricht dafür aber eine hohe Diversität an Wissensbeständen und lässt erwarten, lokal nachhaltige Innovationsprozesse - von der ersten Konzipierungsphase an – anzustoßen. “M:UniverCity” ist das gemeinsame Projekt der Hochschule München und des SCE, das diesen Ansatz seit 2018 verwirklicht. In thematischen Living Labs mit der Stadt München, Unternehmen und Startups sowie mit zivilgesellschaftlichen Akteuren wird in zeitlich begrenzten Co-Creation Gruppen an der Lösung von lokalen Problemen gearbeitet.

Wissenschaftlich am wenigsten untersucht und praktisch oft wenig eingebunden - auch international – ist der Sektor Zivilgesellschaft. In der Diskussion am spannenden Text wurde herausgearbeitet, dass die zivilgesellschaftliche  Typologie für an Innovationsprozessen “typischerweise” teilnehmende Personen, welche diese Studie vorschlägt, am Projekt “M:UniverCity” aber nicht bestätigt werden kann. Es wurde sichtbar, wie stark der Kontext (z.B. die Ausstrahlung eines Fraunhofer Instituts, die Räume eines Krankenhauses, etc.) eines Innovations-Workshops Erwartungen von Zivilgesellschaft beeinflusst und Teilnehmende anzieht. Einmalige explorative Innovations-Workshops mit Kreativmaterialien zielen zudem auf andere Kooperationsformen (wie foresights) als lokale Entwicklung, CoCreation und Wissenstransfer. Es besteht weiterer Forschungsbedarf, um den Einfluss von Kontext und auch von unterschiedlichen „time regimes“ in den vier Sektoren von Quadruple Helix Innovationsprozessen besser zu verstehen und erfolgreicher  zu steuern.